Eigentlich war mein Ziel Safita, ein kleiner überwiegend christlicher Ort etwa 35 km südöstlich von Tartus…zwischen Homs und Tartus im Nordwesten von Syrien. Dort wollte ich Erzbischof Demetrios treffen. Ihn kenne ich schon länger. Seine Diözese erstreckt sich bis in den Libanon hinein. Wir haben gemeinsam viele Besuch in christlichen Ortschaften gemacht und gerade nach den Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet Hilfe organisiert. Ich selbst war in den letzten 4 Jahren 4 mal in Syrien und habe die Region von Damaskus bis nach Hama gut kennengelernt. Über die Stiftung Heimat geben und unsere Ordensgemeinschaft der Oblaten haben wir viele Hilfsgüter organisiert. In einem sozialen Projekt in Hama (dort arbeiten Frauen mit und ohne Behinderung, Christen und Muslime für Nähaufträge) haben wir eine große Menge Trainingsanzüge und Jacken nähen lassen und diese in Waisenhäusern verteilt. Wir haben Projekte von Studenten unterstützt und auch Medical Center. Um nur einiges zu nennen… Seit 2016 war ich 12 mal im Libanon, um dort Hilfe für syrische und palästinensische Flüchtlinge zu organisieren – teilweise zusammen mit einer syrisch-amerikanischen Hilfsorganisation, teilwese auch mit Syriern aus Deutschland. Ich kenne also etwas die Situati
on vor Ort. Bei dieser Reise nun kam alles anders. Nach meinem Flug wollte ich weiter nach Syrien reisen. Doch zuerst verzögerte sich mein Visum (die Berliner Botschaft stellt keine mehr aus, die syrische Botschaft in Beirut ist geschlossen). Alles läuft über das „Ministerium für Inneres, Einwanderung und Pässe“ in Damaskus. Mit diesem Visum kam dann auch eine Warnung für das Gebiet wo hin ich wollte. Mit dem Erzbischof sprach ich dann ab, dass ich auf der libanesischen Seite bleibe und nicht einreise. Und das war auch gut so. Ab Donnerstag tobte dort wieder der Krieg und ich wäre nur schwer wieder zurückgekommen. Dieses Gebiet ist ja im Augenblick sehr stark in den Medien: Tartus, Latakia und Homs. Dort leben neben vielen Christen die Alawiten. Dieser Glaubensgemeinschaft gehörte ja Baschar Assad an, der frühere Machthaber in Syrien. In dieser Region hat es immer etwas gebrodelt als sich vor gut drei Monaten die Machtverhältnisse sich veränderten und die islamistische Gruppe HTS : (Ein islamistisches Bündnis verschiedener Milizen) um den früheren Al Qaida Kämpfer und jetzigen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa an die Macht kamen. In der letzten Woche flammte nun dieser Kampf gegen die HTS wieder auf. Laut auch meinen Informationen von vor Ort ist da ein Massaker an Alaviten geschehen. Wahllos sind auch Frauen u
nd Kinder von Regierungstruppen erschossen worden. Schon über 1.000 Tote, davon die Mehrzahl Zivilisten, stand am Ende meiner Reise. Ich glaube nicht, nach meinen Gesprächen in der letzten Woche vor Ort mit syrischen Christen, Muslimen und Alawiten, dass es Ruhe geben wird. Viele haben sich über den Machtwechsel gefreut, aber es war auch Sorge dabei. Bis Ende des letzten Jahres gab es einen herrschenden Machtapparat. Es war nicht Assad alleine. Mit brutaler Gewalt wurde jeder bekämpft, der eine andere Meinung hatte – als die der Regierung. Die Bilder aus den Gefängnissen zeugen davon. Der Geheimdienst war überall. Auch als ich in Syrien war. Spürbar und fühlbar. Mit Gewalt wurde jede Opposition bekämpft. Es ging nicht um das Wohl des Volkes – es ging um Machterhalt. In Homs waren viele Gebäude, Kirchen und Moscheen zerstört. Es ging auch nicht vorrangig um Religion. Es ging um Macht eines bestimmten Kollektivs.
Die Christen haben sich geduckt. Sie haben sich aus der Politik herausgehalten. Im Vorraum der Kirche hing durchaus ein Bild vom Assad. Die Christen haben gelitten – wie viele andere auch. Sie konnten aber relativ frei ihre Religion leben. Durch den Machtwechsel jetzt ist vieles in Frage gestellt. Die neue Regierung gibt sich moderat – Minderheiten, auch den Religionen gegenüber. Doch wird das halten? Das fragen sich viele Christen vor Ort. Auch viele Christen sind sehr arm. Wer wird die Christen beim Wiederaufbau unterstützen? Wer wird dadurch dokumentieren: Wir stehen hinter euch. Bleibt da. Haltet durch. Seid eine Minderheit in einem Land, in eurem
Land. Gebt christlichen Werten wie Versöhnung, Vergebung, Neuanfang Hand und Fuß. Macht vor, dass so etwas möglich ist. Syrien braucht diesen Blick nach vorne. Aber die Wunden auf allen Seiten sind groß. Die Verletzungen sind tief ins Herz hineingewachsen. Es braucht Brückenbauer. Es braucht auch hier Menschen, die der Spirale der Gewalt trotzen. Eigentlich wäre es gut, wenn viele Syrier aus Deutschland, aus Europa zurückgehen würden. Es wäre eigentlich gut, wenn sie mit ihren Demokratieerfahrungen und einem neuen Background frischen Wind nach Syrien bringen würden. Aber ich glaube nicht daran. Viele haben sich hier gut eingelebt. Das Geld fließt und Ärzte, Schulen und Sicherheit sind gute Fundamente für ein Leben hier. Das alles aufgeben und wieder zurückgehen?
Und wohin zurück? In zerstörte Häuser? Einer schlechten Infrastruktur? Ein Beispiel: Ich habe in Beirut im Viertel der Hisbollah eine Familie besucht. Vater, Mutter und 4 Kinder. Sie haben ein Haus in Homs. Sie wohnen hier in Beirut in ärmsten Verhältnissen, leben von der Arbeit in der Werkstatt. Alle Kinder müssen nach der Schule mithelfen. An den Händen sieht man es. Libanon will die syrischen Flüchtlinge gerne loswerden (1.3 Millionen). Familien haben immer 140 Dollar bekommen, jetzt nur noch 100 Dollar. Es wird Druck gemacht. Aber wo soll diese Familie in Homs hin? Ihr Haus dort ist zerstört. Ich habe die Bilder gesehen. Wer bezahlt den Wiederaufbau ihres Hauses, damit sie da wohnen können? Eine mögliche Rückkehr ist ein vielschichtiges Thema. Ich habe es mit mehreren besprochen…Familien, Studenten und arbeitenden Menschen. Hier in Deutschland bekommen Rückkehrer Geld für einen Neuanfang. Dort nicht. Selbst die Gewaltverbrecher bekommen noch bei der Abschiebung aus Deutschland nach Afghanistan Geld. Ich finde die Einstellung der EU richtig. Es gibt nicht Gelder für die Regierung, nur für internationale Hilfsorganisationen. Aber es muss mehr sein:
Wir müssen Leuchtturmprojekte in Syrien initiieren. In die Entwicklung dieser Leuchtturmprojekte müssen Syrer/innen in Deutschland mit eingebunden werden. Das können Schulen, Universitäten, Krankenhäuser oder anderes sein. Auch da ein Beispiel: Eine Ordensgemeinschaft in Deutschland wird angefragt: Könntet ihr euch nicht vorstellen, z. B. in Homs eine Niederlassung auf zu machen. Vielleicht mit einem Krankenhaus oder einer Schule? Habt ihr hier in Deutschland in eurem Arbeitsumfeld Syrer/Syrerinnen, die vielleicht mitgehen? Mitaufbauen? Könntet ihr solch ein Leuchtturmprojekt entwickeln? Wir würden es finanzieren. In so einem Projekt könnte vieles mitwachsen? Ärzte, die für eine gewisse Zeit kommen. Jugendliche für ein freiwilliges Auslandsjahr. Anstelle einer Ordensgemeinschaft wäre auch eine Diözese denkbar, die genau das machen würde. Andererseits war ich an der Gedenkstätte von dem libanesischen Kleriker und Politiker Hassan Nasrallah im Süden von Beirut, in einem Hisbollah Gebiet. Nasrallah ist ja durch einen israelischen Raketenangriff am 27.9.2024 getötet worden. Er war seit 1992 Generalsekretär der Partei der Hisbollah. An dieser Gedenkstätte wird gebetet und auch Macht demonstriert. 1.000 Menschen, Männer und Frauen, überwiegend unter 35 Jahren sind da abends keine Seltenheit. Da spüre ich Gewaltbereitschaft. Friedvolles miteinander sieht anders aus. Auch denke ich an die Predigt vom maronitischen Patriarch Kardinal Bechara Boutros Rai, die er 2 Tage nach dem Tod von Hassan Nasrallah am 29.9.2024 bei einer Messe gehalten hat: „Die Ermordung von Hassan Nasrallah hat eine Wunde in den Herzen der Libanesen aufgerissen. Das unaufhörliche Martyrium der christlichen und muslimischen Führer, die an die Sache der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Verteidigung der Schwachen glaubten, stärkt die Einheit der Libanesen, eine Einheit des Blutes, der Zugehörigkeit und des Schicksals…“ Die Maroniten sind die größte christliche Gemeinschaft im Libanon. Sie sind mit der katholischen Kirche uniert. Kardinal Rai ist sicher kein Anhänger der Hisbollah oder von Nasrallah, aber in seiner Ansprache wird deutlich, wir müssen Wege zueinander finden. Verletzungen überwinden, die Spirale der Gewalt durchbrechen. Nicht Schubladendenken ist angesagt, sondern Begegnungsräume schaffen. Das Gespräch suchen, wertschätzenden Umgang leben. Eine andere Kultur ist eine andere Kultur. Das müssen wir, auch wertschätzend, akzeptieren. Das große Thema „Integration“ ist an Grenzen gekommen: Die Situation mit Ostdeutschland macht uns das klar. Die Situation der vielen Türken, die in den 60 er Jahren gekommen sind, macht uns das klar. Die große Menge der Geflüchteten der letzten Jahre macht uns das klar. „Alle raus“ oder „keine mehr rein“ funktioniert nicht. Es sind Menschen und für uns Christen alles geliebte Kinder Gottes.
Ich war vom 7.8.23 bis 12.8.23 nochmals in Syrien unterwegs. Erzbischof Dimetrios von der griechisch-orthodoxen Kirche in Safita holte mich in Beirut ab. Zuerst ging es zur syrischen Botschaft in Beirut, um das Visum abzuholen. Dann ging es gemeinsam weiter: Über den libanesisch-syrischen Grenzübergang Aaboudiye im Norden nach Safita. Im Vorfeld war überlegt worden, was arme Familien mit Kindern im Norden von Syrien notwendig gebrauchen. So wurden verschiedene Waren vor Ort gekauft, auch um dadurch die heimische Wirtschaft zu fördern. Wir entschieden gemeinsam mit den Helfern/innen vor Ort drei verschiedene Pakete zu befüllen: Pakete mit Grundnahrungsmitteln, Pakete mit Hygieneartikel und Pakete mit Schulhefte, Stifte und mehr. Mit Lastwagen ging es dann in verschiedene Orte, um die Ware dorthin zu bringen, wo Armut sichtbar und spürbar war. Not war deutlich überall zu sehen und zu spüren. Wir überlegen uns in Deutschland, welche Marmelade wir nehmen sollen. Dort geht es um ein Überleben. Wir haben Krankenhäuser und ärztliche Versorgung. Dort sieht es ganz anders aus. Schule und Bildung sind dort große Schwachpunkte. Menschen mit Behinderung sind kaum sichtbar – eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist für diese Menschen kaum zu leben. Dazu muss man wissen, dass es ganze Gebiete im Norden von Syrien gibt, in denen nicht die Regierung die Kontrolle hat, sonst Rebellengruppen, ISIS und andere Gruppierungen. Es gibt Entführungen und ein einfaches Verschwinden von Menschen. Die Übergänge in diese einzelnen Gebiete sind nur schwer passierbar. Auch das verursacht Leid. Es gibt christliche Gebiete. Von den 15% Christen vor dem Krieg sind aber nur noch 5% Christen in Syrien. Das Erdbeben hat nochmals für eine Verminderung gesorgt. Das Problem dort vor Ort ist nicht nur die wirtschaftliche Lage und die politische Situation, sondern das Weggehen vieler junger Menschen, die in anderen Ländern eine neue Heimat aufbauen wollen. Dörfer sterben immer mehr aus. Zurück bleiben die Alten, Kranken und wirtschaftlich sehr Schwachen. Ein Wiederaufbau und Rebuilding Programme werden von Deutschland her, auch aufgrund der politischen Situation in Syrien, nicht in Gang gebracht. Die Leidtragenden sind immer die Menschen. Neben dieser konkreten Hilfe und der konkreten Hilfsgüter für diese Menschen Ort ist noch ein anderer Aspekt wichtig: wir Deutschen haben euch nicht vergessen. Wir kommen und helfen, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Ich habe dort viele dankbare Menschen erlebt, über Religionsgrenzen hinweg. Und diesen Dank gebe ich an die Spender und Spenderinnen hier in Deutschland weiter. Auch an die Schwäbische Zeitung mit ihrer Weihnachtsaktion „Helfen macht Freude“. Viele Menschen, mehrere hundert Familien, konnten konkret spüren: die Menschen in Deutschland engagieren sich für uns. Unsere Ordensgemeinschaft der Oblaten ist in vielen Ländern aktiv. Viele Missionsprojekte sind dabei im Blick. Und als Oblatenpater und Bussenpfarrer gehört missionarisches Arbeiten hier vor Ort und auch in der Welt zum Arbeitsauftrag. Ich würde gerne viel mehr tun, aber als leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Bussen ist es mir leider nicht möglich,
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